Zur Geschichte der Spielstätte TdJ Liliengasse
Hervorgehoben
Moulin Rouge, Wiener Werkel, Intimes Theater, Theater im Zentrum … – das Kellertheater in der Liliengasse hatte in seiner Geschichte viele Namen und viele wechselnde Besitzer*innen. 1913 als nobles Tanzlokal eröffnet, wurde es in der Zeit des ersten Weltkriegs zu einem Genesungsheim für verletzte Soldaten. Um 1930 baute man den Raum zu einem modernen Revuetheater um. 1939 bis 1944 war das Haus Spielort des Kabaretts Wiener Werkel. Nach dem Krieg konnte sich bis 1964 kein Unternehmen länger halten als vier Jahre – zur erfolgreichsten Zeit gehörten die Jahre 56-58, als Gerhard Bronner, Helmut Qualtinger, Carl Merz oder Georg Kreisler dort auftraten. 1964 bekam der Verein Theater der Jugend mit dem Kellertheater eine eigene Spielstätte.
1970 wurde das Theater der Jugend zusätzlich Hauptmieter des Renaissancetheaters in der Neubaugasse.
1913-1914: Etablissement Grand Gala
Wegen einer Verbreiterung der Liliengasse wurde der Lilienfelder Hof 1911 abgerissen. 1912/1913 wurde ein neues Zinshaus nach Plänen Ignaz Nathan Reisers errichtet. Das „Etablissement“ im Keller entstand nach Plänen des Architekten Eduard Prandl (1871-1922). Am 14. Oktober 1913 wurde das Tanzlokal „Grand Gala“ eröffnet (Leitung: Moriz O. Rosner). Es wurde beworben als „Wiens anerkannt schönstes Vergnügungs-Lokal“. Am 11. April 1914 findet sich ein letzter Hinweis einer Veranstaltung im „Grand Gala“.
Heute finden sich nur noch wenige Hinweise auf die Anfangszeit des Theaters. Die Sessel im Foyer stammen vermutlich aus dieser Zeit. Im Ornament der Rückenlehne findet sich das Monogramm GG für „Grand Gala“.
1915: Genesungsheim für Soldaten aus dem 1. Weltkrieg
Im Oktober 1914 zog das Kriegsfürsorgeamt in das Gebäude ein. Am 4. März 1915 wurde für verwundete Soldaten ein „Nachmittagsheim für rekonvaleszente Soldaten“ eröffnet. Statt Tango-Abenden fanden nun musikalische Lichtbildervorträge („ernste und heitere Bilder aus unserem Militär- und Volksleben“) und „Soldatenjausen“ und Wohltätigkeistveranstaltungen mit Musik- und Wortbeiträgen statt.
1919-1934: (Palais de danse) Moulin Rouge
Am 24. Dezember 1919 wurde im Neuen Wiener Tagblatt eine Anzeige veröffentlicht, in der die morgige „Wiedereröffnung“ des „vornehmsten Vergnügungs-Etablissements Wiens“ unter dem Namen „Moulin Rouge“ angekündigt wurde. Ab 1927 wird Arthur Glück erstmalig als Direktor angegeben. 1929 und 1932 wurden größere Umbauten vorgenommen, das Theater wurde vom Tanzlokal zu einer Revue-Bühne umgestaltet. Die künstlerischen Direktoren waren nun Karl Farkas und Franz Engel, die auch die Eröffnungsproduktion am 28. August 1932 verantworteten, die aufwändige Revue „Küsst österreichische Frauen!“ Doch die Kosten des Umbaus und für die aufwendige Revue konnten nicht eingespielt werden. 1933 verließ Karl Farkas das Theater, Fritz Grünbaum übernahm seinen Posten. 1934 musste das Moulin Rouge Insolvenz anmelden.
1936-1937: Moulin Rouge
Am 1. Oktober 1936 wurde das Moulin Rouge wiederöffnet (Künstlerische Leitung: Ralf Ronay). Es wurde geworben mit einer „Non Stop Show“ (Varieté, Tanz, Cabaret und Barbetrieb) von 9 Uhr abends bis 4 Uhr in der Früh mit durchgängig warmer Küche. Doch auch dieser Betrieb konnte sich nicht lange halten, im Februar 1937 musste die Lilienfelder Vergnügungsetablissement G.m.b.H. Konkurs anmelden.
1939-1944: Kabarett Wiener Werkel
Am 20. Jänner 1939 wurde die „neue Kleinkunstbühne Wiener Werkel“ eröffnet (Leitung: Adolf Müller-Reitzner). Für die Texte waren u. a. Rudolf Weys und Franz Paul zuständig. Als Schauspieler stand u. a. Josef Meinrad auf der Bühne. Es war sein erstes Engagement nach verschiedenen Auftritten auf Wiener Kleinkunstbühnen.
Wie „systemkritisch“ das Wiener Werkel gewesen ist, wurde nachträglich unterschiedlich bewertet. Für Manfred Lang (Kleinkunst im Widerstand. Das „Wiener Werkel“, 1967) sei es den Künstler*innen gelungen, „über dem Schatten des Verbotenen das Licht des Widerstandes leuchten zu lassen“. Hans Veigl bezeichnet in einem Buch „Bombenstimmung – Das Wiener Werkel“ (1994) das Programm als „nörgelnde Anpassung und versteckter Widerstand“. Für Anita Wolfahrt (Das „Mittelstück“ im ‚Wiener Werkel’ – Kleinkunst im Dritten Reich zwischen Anpassung und Widerstand, 2004) erschöpfte sich die Funktion der Programme darin, „einer schon bestehenden Gemeinschaft von Regimegegner versteckte Ermunterungszurufe zukommen zu lassen und Mut zuzusprechen“. Markus Felkel schreibt in einer Diplomarbeit „Vom Etablissement Grand Gala zum Theater im Zentrum – eine theaterarchäologische Spurensuche in Wien“ (2015), die zehn Programme seien „in keinster Weise systemkritisch“ gewesen.
1943 starb Müller-Reitzner überraschend. Seine Frau, die Schauspielerin und Texterin Christl Räntz führte danach den Betrieb. Im Zuge der Theatersperre Anfang September 1944 wurde auch das Wiener Werkel geschlossen, die Räume wurden als Lager für Militärgut und als Luftschutzkeller genutzt.
1945-1946: Literatur im Moulin Rouge
Das Wiener Magistrat sperrte bereits im Juni 1945 wieder auf, der Name „Wiener Werkel“ wurde aber vom Magistrat verboten, um eine Zäsur zur Zeit des Nationalsozialismus zu markieren. Stattdessen hieß das Theater nun „Literatur im Moulin Rouge“ – damit versuchte man an die Anfangszeit und an die 1938 geschlossene Kleinkunstbühne „Literatur am Naschmarkt“ zu erinnern. Doch bereits am 20. Jänner 1946 schloss das Theater wieder, der Pachtvertrag für die Räumlichkeiten wurde auf das Theater in der Josefstadt überschrieben.
1946-1950: Studio / Kleines Haus des Theaters in der Josefstadt
Bis zum Tod des stellvertretenden künstlerischen Leiters des Theaters in der Josefstadt Alfred Ibach am 16. Juni 1948 was das Studio ein Ort, wo junge österreichische und englischsprachige Dramatik gezeigt wurde. 1949/1950 wurde das Theater in „Kleines Haus“ umbenannt, das Programm bestand nun großteils aus Revuen und Schwänken.
1950-1953: Wiener Werkel
1950 versuchte man das Theater wieder als „wienerische Kammerkunstbühne mit scharf satirisch-politischem Einschlag und literarischen Niveau“ in Bezug zum Wiener Werkel von 1939-1944 zu etablieren. Es sollten neben Eigenproduktionen internationale Gastspiele gezeigt werden. Nach drei Saisonen wechselte man im September 1953 in den Schwechater Hof. In der Zeitschrift Funk und Film hieß es, das Wiener Werkel sei „delogiert worden. Die nähere Umstände sind nicht besonders erfreulich. Der neue Pächter bringt viel Geld mit“.
1953-1955: Kleine Komödie
Die Direktorin Tude Pöschl, die zuvor erfolgreiche Programme von Michael Kehlmann, Gerd Bronner, Carl Merz und Helmut Qualtinger im von ihr geleiteten „Das Experiment. Theater der 49 im Konzerthaus“ produziert hatte, hatte mit ihrem Unternehmen in der Liliengasse bei Publikum und Kritik keinen Erfolg. Schon kurz nach der Eröffnung hatte sie enorme Schulden angehäuft, sie konnte am Ende die Künstler*innen nicht mehr bezahlen und musste sich sogar vor Gericht verantworten.
1955-1959: Intimes Theater
Nach einer Saison, in der Karl Farkas als künstlerischer Leiter tätig war, übernahm Gerhard Bronner als Untermieter das Theater in der Liliengasse und holte die erfolgreiche junge Generation von Kabarettisten ans Haus: Helmut Qualtinger, Georg Kreisler, Peter Wehle und Hans Weigel. Das Haus befand sich zwar in einem desolaten Zustand, doch künstlerisch und beim Publikum liefen die kommenden zwei Spielzeiten sehr erfolgreich. Der Pächter Baruch Picker erneuerte den Mietvertrag Bronners am Ende der Spielzeit 1957/58 nicht. Der nachfolgende Direktor, der Filmproduzent Otto Dürer, konnte sich gerade einmal eine Spielzeit halten.
1960-1963: Theater im Zentrum (Leitung: Wilhelm Paul Wondruschka)
Das Theater am Parkring, ein Kellertheater, das nur wenige Gehminuten von der Liliengasse entfernt lag, musste 1960 umziehen. Unter dem Namen „Theater im Zentrum“ fand es eine neue Unterkunft in der Liliengasse. Es wurde zwar vom Österreichischen Studentenhilfswerk und von der Stadt Wien finanziell unterstützt, musste jedoch aufgrund finanzieller und organisatorischer Probleme im Frühjahr 1963 schließen.
Bereits ab April 1963 hatte das Theater der Jugend den Theaterraum für Eigenproduktionen genutzt. (Der künstlerische Leiter des Theaters der Jugend, Peter Weihs, hatte das Theater am Parkring ab 1954 gemeinsam mit Kurt Julius Schwarz geleitet.) Auf der Suche nach einem eigenen Jugendtheater in Wien – „das erste Jugendtheater Westeuropas“ (Hans Mandl) – wurde schließlich das Theater im Zentrum ausgewählt.
Wer mehr erfahren will:
- Markus Felkel: „Vom Etablissement Grand Gala zum Theater im Zentrum – eine theaterarchäologische Spurensuche in Wien“. Diplomarbeit 2015. Online abrufbar unter diesem Link.